Nur eine Handvoll Südindien

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Hamburg: Helden jenseits der Autobahn

Das Leben in Deutschland ist schrecklich. Zu viele Möglichkeiten, zu viele Entscheidungen, die es zu treffen gilt. Wo arbeiten, wo wohnen und vor allem mit wem. Wie leben, lautet die große Frage, an der viele zerbrechen. Wir lamentieren, fahnden auf Datingsites nach dem perfekten Partner, scannen Jobbörsen nach dem nächsten Karriereschub und analysieren gleichzeitig den Immobilienmarkt nach idealem Wohnraum für das schöne, richtige Leben. Man muss sich nur entscheiden, so sagt man.

Unter uns leben Menschen, die haben sich entschieden. Sie sind Helden, nur leider unsichtbar für uns, die wir mit der Suche nach dem guten Leben beschäftigt sind. Sie leben in Behelfsunterkünften, in Wohncontainern irgendwo hinter der Autobahn auf dem platten Land. Oder, schlimmer noch, als Menschen ohne rechtlichen Status in unseren Straßen.

Seit sie sich entscheiden mussten, ihre Heimat zu verlassen, sind oft schon viele Jahre vergangen. Jahre, in denen viele von Ihnen mit ihren Familien oder ganz allein auf der Flucht waren. Mit den halsbrecherischsten Transportmitteln waren sie auf den abenteuerlichsten Straßen unterwegs, waren geldgeilen Schleusern ausgeliefert und mussten manchmal monatelang im Ungewissen ausharren bis es endlich weiterging auf dem steinigen Weg Richtung Sicherheit und Freiheit, für den sie sich entschieden haben, sich entscheiden mussten.

So auch Familie P. Sie befand sich irgendwo in Pakistan in solch einer ungewissen Situation. Hoffend, bangend. Tagelang, Wochenlang. Wo genau sie sich befanden, kann heute niemand mehr so genau sagen. Zu lang, zu unübersichtlich war ihr Fluchtweg bis dahin, der sie zumeist nachts in verschiedenen Fahrzeugen an diesen Ort führte, an dem sie nach eigenen Aussagen ungefähr 2 Monate ausharren musste, ohne bei Tageslicht die Unterkunft verlassen zu dürfen.

Das es nicht ganz einfach werden würde war klar. Klar war auch, dass die Familie raus musste aus Afghanistan, raus aus Herat, raus aus der Situation, die Herrn P. die wohl schwerste Entscheidung seines Lebens abverlangte. Der Vater, ein stolzer und würdevoller Mann, musste handeln, um seine Familie zu schützen.

Schon nach Herat kam die Familie nach einer Entscheidung des Familienoberhauptes. Damals, 2002, mussten sie raus aus Kabul. Zu allgegenwärtig war der Krieg, der Terror, der alltägliche Wahnsinn. Für afghanische Verhältnisse lebte es sich ruhig in Herat. Detonationen und Kampfflugzeuge waren auch hier zu hören, na klar, allerdings meistens aus der Distanz und nicht so unmittelbar wie in der Hauptstadt.

Herat wurde zur neuen Heimat, so etwas wie Alltag kehrte ein für Herrn P. und seine Familie. Bis die Töchter keine Kinder mehr waren und die Begehrlichkeiten älterer Männer weckten. Erst verhalten, dann immer offensiver. Einer dieser älteren Männer, ein Polizist, begehrte so sehr, dass er begann, seine Machtposition auszunutzen. Wenn der Vater die Tochter nicht freigebe, würde etwas Schlimmes passieren, drohte er. Die Lage wurde gefährlich für die Familie. Es gab niemanden, an den der verzweifelte Vater sich hätte wenden können auf der Suche nach Schutz. Polizisten, so bereichtet die Familie, stehen kraft ihres Amtes über dem Gesetz.

Für das Leben seiner Töchter gab es also nur eine vernünftige Entscheidung: Raus aus Herat, als Ziel die Sicherheit Deutschlands vor Augen, in das Land, in das sich schon zuvor Verwandte aufgemacht haben auf der Flucht vor Tod und Gewalt und von dem die Familie viel Gutes gehört hatte.

Es begann eine mehrmonatige Odyssee durch Afghanistan, durch Pakistan, den Iran, die Türkei, um dann, irgendwann, in Hamburg anzukommen. Hier ging die Reise weiter. Nach Stationen in provisorischen Unterkünften, der unsäglichen, gefängnisgleichen Erstaufnahmeeinrichtung Nostorf-Horst in Mecklenburg-Vorpommern bis in ein Asylbewerberwohnheim, das, aus Hamburger Perspektive, irgendwo jenseits der A1 liegt. Hier teilen sich Mutter, Vater und eine Tochter heute ein etwa 12 qm² großes Zimmer in einem Wohncontainer, an jeder Wand eine kleine Matratze, die als Privatsphäre ausreichen muss. Dazu ein kleiner Tisch, ein Fernseher und drei Spinde zum Verstauen der Gegenstände, die die Flucht überstanden haben. Küche und Bad benutzen außer Familie P. noch drei weitere Familien. Das ist der Preis, den die Familie zahlt für die Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen, um in Sicherheit leben zu können.

Und das ist nicht alles. Zu der Enge kommen alltägliche Demütigungen, die die Familie über sich ergehen lassen muss. Für den stolzen Vater ist es unmöglich, seine Familie durch eigene Arbeit zu ernähren und eine eigene Wohnung zu finden. Die Duldung, die ihm die Ausländerbehörde ausgesprochen hat, steht dem im Wege. Solange der Status nicht verändert und in eine Aufenthaltserlaubnis umgewandelt wird, ist die Familie zu Passivität verdammt. Besonders perfide ist die Unberechenbarkeit dieses Prozederes. Keiner der Menschen im Wohnheim kann verlässlich sagen, ob und wann sich der Aufenthaltsstatus ändern wird. Jederzeit kann die Duldung aufgehoben werden und in eine so genannte Rückführung münden. Eine Abschiebung zurück in die Verhältnisse, gegen die sich Herr P. vor nunmehr fast zwei Jahren entscheiden hat und in denen heute mehr Gefahren lauern denn je.

So bleibt der Familie nichts anderes übrig als zu warten Warten in der Ausländerbehörde, etwa um nur mal nachzufragen, ob die Tochter die Stadt für eine eintägige Schulfahrt verlassen darf, warten am Telefon bei dem Versuch einen Ausländerbehördenmitarbeiter zu erreichen, während die Wartschleife den hervorragend passenden Song ‚Just When I Needed You Most’ von Randy Vanwarmer, in dem es zynischerweise ums Verlassen und Verlassenwerden geht, aufbietet. Das Lied wirkt wie eine Erinnerung an die permanent drohende Rückführung. Mit Familie P. warten Tausende Menschen mehr aus Gründen, die wir kaum nachvollziehen können, weil wir uns nicht ablenken lassen wollen auf unserer Suche nach dem perfekten Leben für das noch einige Entscheidungen zu treffen sind.

Anstatt Containerdörfer irgendwo hinter der Autobahn zu erreichten, dort Menschen unterzubringen und ihnen über Jahre mit Abschiebung zu drohen, sollten wir diese Heldinnen und Helden reinlassen in unsere Städte und Dörfer, von ihnen lernen und ihnen Respekt entgegenbringen für den Heldenmut, den sie aufgebracht haben, sich zu entscheiden. Wir sollten das Hiersein dieser Menschen nicht als Bedrohung, sondern vielmehr als Anerkennung und Chance begreifen, uns inspirieren lassen und uns gemeinsam freuen, unbeschwert und sicher nach dem guten Leben suchen zu können.

Jamyang versteht die Welt nicht mehr

Mein Name ist Jamyang. Das ist Tibetisch und bedeutet ’sanfte Stimme‘. Meine Stimme ist wohl sanft, leider wird sie selten von jemanden gehört. Meinen Namen sagt ebenso selten jemand. Und wenn, dann nur um zu erfahren, ob die Yaks schon gemolken sind.

Yaks melken. Das ist meine Hauptaufgabe. Es war die meiner Großmutter und die meiner Mutter. Nun ist es meine. Die Tiere sind unsere Lebensgrundlage. Aus der Milch machen wir Butter und Joghurt, aus ihrem Fell sind unsere Zelte und mit ihrem Dung machen wir Feuer. Auch um diese Dinge kümmere ich mich. Am meisten Arbeit macht aber das Melken bei Sonnenaufgang.

Ich lebe in der chinesischen Provinz Gansu. Ganz im Westen in den Bergen in der Nähe des Dorfes Langmusi. Im Süden grenzt die Provinz Sichuan und hinter den Bergen die Provinz Qinghai. Auch das ist eigentlich egal. Diese Orte spielen in meinem Leben keine Rolle, ihre Bezeichnungen sind nicht wichtig für mich. Ich weiß nur, dass mein Mann oft in Langmusi ist, ein Dorf in der Nähe der Weiden, auf denen unsere Tiere grasen. Zum Kartenspielen und Tee trinken, wie er sagt.

Das Dorf Langmusi - hier trinkt mein Mann gerne Tee und soielt Karten.

Das Dorf Langmusi – hier trinkt mein Mann gerne Tee und soielt Karten.

Mein Alltag wird bestimmt von den Jahreszeiten und den Yaks, die meine Familie und mich ernähren. Neuerdings auch ein bisschen von Touristen, die nicht reiten können und dennoch auf Pferden hierher kommen. Sie mögen die Landschaft und interessieren sich für unsere Kultur. Sagen sie. Ich wüsste nicht, was daran so interessant sein soll. Außerdem essen sie gerne Joghurt aus Yakmilch. Diese Leute bringen etwas Extrageld, sagt mein Mann. Sie kommen meistens abends, schlafen in unserem Zelt und bleiben bis zum nächsten Nachmittag.

Am Anfang war das merkwürdig für mich. Da kommen Menschen von weit her, nur um mir bei der Arbeit zuzusehen. Sprechen kann ich nicht mit ihnen und sie nicht mit mir. Sie können kein Tibetisch und ich kein Englisch und auch kein Chinesisch. Sie stehen nur herum in ihrer sonderbaren Kleidung und fotografieren mich, wenn ich morgens beginne, die Yaks zu melken.

Als die ersten kamen, habe ich mich gefragt, wer sich wohl um ihre Tiere kümmert, während sie bei uns sind. Mittlerweile sind es so viele geworden, dass ich aufgehört habe, mich das zu fragen. Alle sind so fasziniert von den Yaks, besonders von den Kälbern. Deshalb glaube ich, dass es bei denen gar keine Yaks gibt. Wahrscheinlich gar keine Tiere, schließlich können sie nicht mal mit Pferden umgehen. Mit unseren Schafen auch nicht und vor unseren Hunden haben sie Angst.

Mit der Zeit ist mir klar geworden, dass ihr Alltag ganz anders aussehen muss als meiner.  Manchmal zeigen sie mir Bilder auf ihren Kameras. Ausschnitte aus ihren Leben, die mir nichts sagen. Auf den Fotos sind Menschen abgebildet, die ich nicht kenne in Städten, in denen ich nie sein werde. Orte, die so unglaublich weit entfernt sind, man kann sie nur mit Flugzeugen erreichen. Maschinen, mit denen man fliegen kann. Konnte ich mir lange Zeit kaum vorstellen. Mittlerweile interessiert mich aber auch nicht mehr, wie diese Menschen hierher kommen. Für mich ändert das nichts. Außer, dass ich jetzt mehr Yakjoghurt machen muss.

Denn von den Touristen mal abgesehen, hat sich seit Generationen bei uns wenig verändert. Im Frühjahr und Sommer ziehen jeweils einmal mit dem ganzen Lager um. Immer dann, wenn die 600 Yaks und die Ziegen die Weiden in der Umgebung abgefressen haben. Im Winter sind wir dann auf einer Winterweide, die im Sommer geschont wird. Auch dann kommen noch einige Touristen. Dick eingepackt in bunte Jacken staunen sie über die schneebedeckte Landschaft.

Jetzt, im Sommer, brechen die Männer mit den Tieren frühmorgens nach dem Melken zu den Weiden auf. Ich bin dann allein im Lager. Es ist die Zeit, in der ich Wasser aus dem Fluss hole, Butter mache und mit dem Rest der Milch den beliebten Joghurt. Außerdem sammle ich Dung für das Feuer. Manchmal sind dann noch Touristen da. Mit ihnen ist es immer das Gleiche: Sie stehen unbeholfen in der Gegend herum und wissen nicht wohin mit sich. Sie hantieren mit ihren Kameras und machen Fotos von mir und der Landschaft. Dann bieten sie an, mir zu helfen. Beim Dung sammeln. Als ob das so eine große Sache ist. Aber dann fotografieren sie wenigstens nicht mich sondern sich gegenseitig und lachen dabei aufgeregt. Wenn ich verschwunden bin, um ihr Mittagessen zu machen, merken sie das gar nicht.

Bizarrer Tourist aus was weiß ich woher posiert vor Yaks. Ich bin im Hintergrund.

Bizarrer Tourist aus was weiß ich woher posiert vor Yaks. Ich bin im Hintergrund.

Zum Essen kommen alle ins Zelt. Die Touristen setzen sich dann ganz schüchtern auf unserer Decke und starren auf die Kochstelle, die mit Dung befeuert wird. Auch ihr tibetischer Führer ist dabei (sie können ja nicht reiten und einer muss auf sie aufpassen). Der kann meistens ein wenig Englisch und noch besser Chinesisch. Den fragen sie dann immer die gleichen Sachen, die er brav beantwortet. Sie wollen wissen, ob jeder Tag so wie dieser abläuft (wie denn sonst?), wie oft die Yaks Kälber bekommen (jedes Frühjahr) und wie man Butter herstellt (in einer Maschine mit einer Kurbel). Dann sagen sie, wie lecker das Essen schmeckt (besonders der Joghurt) und betonen, wie gut sie geschlafen haben im Zelt. Nur das mit dem nachts aufstehen sei ja etwas schwierig so ganz ohne Strom und Licht. Außerdem die gefährlichen Hunde draußen, die sofort kläffen, wenn sich jemand nähert. Natürlich finden auch alle die Natur wunderschön. Für mich ist sie weder schön noch hässlich. Sie ist einfach, wie sie ist. Im Sommer grün, im Winter weiß.

Nach dem Essen packen die Touristen ihre Sachen zusammen und machen sich bereit zum Aufbruch. Das ist manchmal recht lustig. Umständlich klettern sie auf ihre Pferde, meistens geht das nicht ohne fremde Hilfe. Bis es endlich losgeht, sitzen die anderen hilflos auf ihren Pferden. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Selbst wenn sie reiten könnten, wüssten sie nicht wohin. Dann geht es endlich los und ich kann die Gruppe dabei beobachten, wie sie langsam ihrem Führer hinterher trottet und schließlich hinter den Bergen verschwindet. Jetzt bin ich ganz allein, wundere mich manchmal kurz, wohin die Menschen wohl verschwinden, kümmere mich aber dann wieder um meine Arbeit. Die nächsten Touristen kommen bestimmt – und das verblüffendste dabei ist – sie werden wieder alle gleich aussehen, werden wieder den Yakjoghurt loben, viele Fotos machen und sich auch sonst genau so verhalten, wie alle anderen Gruppen, die bisher bei uns zu Besuch waren.

Die dreckigste Stadt der Welt ist eigentlich ganz nett

Wie ein ruhiger Fluss sollte mich diese chinesische Reise an magische Orte führen. In verwunschenen Landschaften wollte ich wandeln, mich inspirieren lassen von heiligen Bergen, weise Menschen treffen, die mir helfen, zu tieferen Erkenntnissen zu gelangen.

Zum Auftakt gerate ich dann aber in einen reißenden Strom. Ein Strom aus Menschen, die alle ein Zugticket von Peking nach Lanzhou kaufen wollen. Die Fahrt wird 17 Stunden dauern, Plätze in den Schlafwagen sind heiß begehrt. Natürlich gehe ich leer aus, erstehe aber, nicht ohne massiven Ellbogeneinsatz, ein Sitzplatzticket. Das ist gut – wenigstens nicht stehen oder kauern in irgendeiner Ecke ringend um Schlaf. Voll wird es und heiß, aber die Nummer des Sitzes auf meinen Ticket legitimiert meinen Anspruch auf ein wenig Platz.

Es geht los: Hektik am Bahnsteig, aufgeregtes Gebrüll und Geschrei in den Waggons, Panik herrscht. Denn die, die keinen nummerierten Platz abbekommen haben, sehen einer unsicheren Zukunft entgegen. Ich halte es mit dem Wu Wei, dem altbekannten Prinzip des Nichteingreifens und werde auch prompt auf meinen Platz gespült. Schweißnass und japsend nach Luft zwar, aber zufrieden. Neben mir nimmt Guo Fu Platz.

Ob ich nach Lanzhou wolle, fragt er. Ja, antworte ich, aber nur kurz.

Lanzhou hat selbst in China einen miserablen Ruf: Historisch verzeichnet als Eingangstor zur berühmten Seidenstraße, heute eher bekannt als Tor zur Hölle inmitten eines gigantischen Bergbau- und Industriegebietes. Die WHO verschaffte der Stadt eine zweifelhafte Ehre. Sie kürte Lanzhou zur ‚dreckigsten Stadt der Welt 2011’. Trotz des chinesischen Strebens nach Superlativen und Weltrekorden hätte man in Lanzhou auf diesen Titel sicher gerne verzichtet.

Guo Fu weiß um das schlechte Image seiner Stadt und ist dennoch Lokalpatriot durch und durch. Zum Teufel mit Peking, Shanghai und Hongkong. Er preist die vielen Vorzüge seiner Heimat, allein die Niumian, die Nudeln mit Rindfleisch, seien eine Reise wert. Unentwegt bietet er mir Zigaretten der Marke Lanzhou an, eine Sorte, in ganz China unübertroffen an Rauchgenuss, wie er nicht müde wird zu betonen. Auch wenn ich nur einen kurzen Aufenthalt in der Stadt plane, sollte ich doch die Highlights seiner Stadt mitnehmen. Zum Besipiel Nudeln zum Frühstück, verabredet er, ohne mein Einverständnis abzuwarten.

Es gelingt mir einzuschlafen. Als ich wieder aufwache ist Lanzhou nicht mehr weit. Guo Fu erinnert mich sogleich an unsere Verabredung. Morgens in einem chinesischen Zug ist das so eine Sache: Müde, Körperkater und Miesepetrigkeit sind die bei mir vorherrschenden Gefühle. Ich gebe mich wortkarg, denn eigentlich habe ich keine Lust. Viel lieber würde ich in Ruhe den Busbahnhof suchen und dann nichts wie weg aus dem Höllenloch. Guo Fu ficht das nicht an. Er hat schon alles arrangiert. Sein Freund wird uns gleich abholen und uns zum besten Nudelmann der Stadt begleiten. Meine Einwände von wegen Bus und Weiterreise tut er einfach ab. Ja, ja, erstmal Nudeln essen.

Mein Begleiter scheint es mit Konfuzius und seiner Lehre der strengen Hierarchie zu halten. Sein Freund ist viel jünger als er selbst. Gerade 18 geworden. Grund genug ihm sofort das Gepäck zu übergeben. Meinen Rucksack könne er auch noch tragen, bietet Guo Fu an. Nein, nein, soviel Gastfreundschaft wäre dann doch des Guten zuviel. Beschwingt winkt er ein Taxi herbei, sein Freund Zhang steht hilflos neben mir. Er weiß wohl nicht, was das wieder soll und wieso er jetzt Nudeln essen muss und das auch noch mit einem Ausländer.

Auf der Fahrt stelle ich fest, das Lanzhou laut und stickig ist, sich darin aber keineswegs von anderen chinesischen Großstädten unterscheidet. Die Atmosphäre ist ganz freundlich: Die Sonne scheint, die Leute machen einen fröhlichen Eindruck. Gar nicht so wie das apokalyptische Szenario, das ich mir ausgemalt hatte mit verdunkeltem Himmel, saurem Regen und die Atemwege verätzende Luft.

Guo Fu macht die Fahrt zu einer Highspeed-Sighseeingtour. Links der Gelbe Fluss, die Mutter aller Flüsse in China. Sehr schön, schöne Promenade auch. Rechts die Moschee. In Lanzhou leben seit jeher viele Muslime. Ihre Vorfahren kamen einst über die legendäre Seidenstraße nach Osten. Dann erreichen wir unser Ziel: Den besten Nudelmann der Welt.

Es ist erst 9:00 morgens aber das kleine Straßenlokal ist brechend voll. Alles geht ganz schnell. Guo Fu sucht einen Platz und weist seinen Freund an, dreimal Nudeln zu holen. Schön scharf, bitte.

Er selbst erzählt derweil dem ganzen Laden, was es mit dem sonderbaren Fremden auf sich hat. Kaum zu glauben, aber brüstet sich mit mir. ‚Pengyou, Pengyou’, ruft er laut. Mir ist das wahnsinnig unangenehm, stimme aber in die ‚Freund, Freund’-Geschichte ein. Guo Fu ist zufrieden und beobachtet mich zusammen mit dem Rest des Lokals, wie ich Nudeln esse. Die sind wirklich sehr lecker, aus Stadtmarketingsicht ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Nach dem letzten Bissen müssen wir schon gehen. ‚Wozu die Eile’, frage ich. ‚Wir müssen doch Dein Busticket kaufen’, entgegnet Guo Fu. Oha! Das nenne ich fürsorgliche Gastfreundschaft, mit der ich nicht gerechnet hätte.

Also schnell, schnell zum Busbahnhof. Dort wartet Zhang im Taxi, während ich hinter Guo Fu herhetzte zum Ticketschalter. ‚Einmal Xiahe bitte’, mein eigentliches Ziel. Danke, bitte, der Bus geht um 14.00 Uhr. Noch fix den Rucksack im richtigen Bus verstaut und schnell wieder los, ordnet mein Gastgeber an. Bier trinken. Es ist erst 10.00 Uhr an einem Freitagmorgen. Genau die richtige Zeit, um anzustoßen.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich damit schon gerechnet – und es befürchtet. Ich scheine irgendwas an mir zu haben, das einen bestimmten Typus Mensch ermuntert, mich auf Drinks einzuladen. Es käme mir aber nie in den Sinn diese herzliche Einladung abzulehnen. Der Gesichtsverlust, den ich Guo Fu damit beibringen würde, wäre unverzeihlich. Schon allein, weil uns weitere Freunde Gesellschaft leisten werden, die bei meinem Nichterscheinen unangenehme Fragen stellen würden.

Ich finde das regelrecht überwältigend. Noch nie habe ich einen Wildfremden am Hamburger Hauptbahnhof erst zu einem Franzbrötchen eingeladen und ihn dann in eine Hafenkaschemme zum Astratrinken gezerrt. An einem Werktag um 10.00 Uhr morgens. ‚Die Idee ist gut, die Welt noch nicht bereit’, texteten Tocotronic einst. In Lanzhou ist man der Welt voraus.

Die Suche nach einer Bar gestaltet sich allerdings schwierig. Viele Türen probieren wir aus, alle sind noch geschlossen. Bis wir vor einem Hotpot-Restaurant stehen. ‚Sehr gutes Essen, sehr nette Bedienung, günstiges Bier der Sorte Lanzhou und eine offene Tür’, konstatieren meine Freunde. Mittlerweile ist es 10.30 Uhr, das Frühstück noch keine Stunde her und trotzdem, befinden meiner Gönner, sei es Zeit, nun auch eine weitere Köstlichkeit der Region zu probieren: Hotpot. Guo Fu, Zhang und ein weiterer Freund bestellen eifrig Zuraten, während ich fassungslos dasitze mit einem Bier in meiner Hand.

Es stellt sich raus, dass Tao, der andere Freund, Guo Fus Gitarrenlehrer ist. Ansonsten verdingt er sich als Musiker in irgendwelchen Bands, die keinen Erfolg haben. Dazu müsste man nach Peking gehen, sagt er. Das will er aber nicht, zu gut gefällt ihm Lanzhou. Er sagt, er fühle seine Profession sei das Musikmachen, sehe aber kaum eine Chance, damit auf einen grünen Zweig zu kommen. Also eben Gitarrenlehrer. Das hält ihn über Wasser, selbst wenn er sich dazu mit Leuten wie Guo Fu rumschlagen muss, wie er lachend betont. Das sei aber allemal besser als Peking mit all seinen Snobs, die nur dem Geld hinterher rennen.

Ich finde das sehr sympathisch, gerade weil es Parallelen zwischen China und Deutschland, zwischen Menschen, egal welcher Nation aufzeigt. Wir alle versuchen, unseren Platz zu finden. Irgendwie, irgendwo, ohne unsere Leidenschaften aufzugeben und unser Herz zu verleugnen. Besonders im turbokapitalistischen China verleugnen offenbar viele Menschen ihr Herz, negieren alles, was einmal von Wert war, nur um ein kleines bisschen vom Reichtum abzukommen. Verschmelzen (gezwungenermaßen) mit der gesichtslosen Masse in einem Job, der hassenswert ist, nur um Dinge zu konsumieren, die man nicht braucht in einem Leben das lauter Enttäuschungen bereithält. Tao wehrt sich dagegen. Ich werte das als stummen Protest gegen den galoppierenden Wahnsinn in seinem Land. Er trinkt lieber Bier mit seinen Freunden an einem Freitagmorgen, isst Hotpot und fühlt sich dabei sichtlich wohl. Ich bin stolz auf ihn und werde langsam bierselig.

Ich hätte komplett die Zeit vergessen, würde nicht mein lieber Freund Guo Fu intervenieren. ‚Zeit, den Bus zu erreichen’, sagt er. Schade eigentlich. Gerade so nett unterhalten und geschlemmt, nun schon wieder los. Ich hatte die Hölle auf Erden erwartet und fand nette Menschen. Die dreckigste Stadt der Welt ist doch eigentlich ganz nett. Ich bin zwar besoffen und weiß um die Wirkung von Alkohol, bin aber, als ich im Buss so aus dem Fenster schaue, überzeugt, dass ich Lanzhou auch mit Kopfschmerzen in angenehmer Erinnerung behalten werde.

Hasstana!

Astana. Ich sitze im Flugzeug und denk’ mir so, jetzt bin ich aber fast da, wa? Ich steige aus, gehe durch den Passagiertunnel und wende mich direkt an den Einreisestand. Ich brauche ein Visum für einen Tag – schließlich habe ich 14 Stunden Aufenthalt in der kasachischen Hauptstadt bevor es weitergeht nach Peking. Ich will mir anschauen, wie eine Stadt aussieht, die in kürzester Zeit von einem staubigen Steppenkaff in eine prächtige Kapitale verwandelt wurde. Diese spektakuläre Metamorphose wurde 1997 vom gottgleichen Präsidenten Nursultan Nasarbajew beschlossen und mithilfe von Rohstoffmillionen prompt umgesetzt.

Gottgleich bin ich nicht und so werde ich von der streng dreinblickenden Beamtin der Einreisebehörde barsch abgewiesen. In ihrem poststalinistischen Chic weist sie mich knapp und bestimmt darauf hin, dass Kasachstan keine Tagesvisa ausgibt. Streng zeigt sie zeigt mir den Weg in die Aufenthaltshalle für Transitreisende. Zu meinem Verblüffen muss sie bis zu meiner Weiterreise auch noch meinen Pass einbehalten. ‚You get back the documents when you leave Astana’, sagt sie mit einem Akzent, der mich an die russischen Schurken aus alten James Bond Filmen erinnert. Dieser Tonfall duldet keinen Widerspruch. Uaaah! Hasstana!

In der Abflughalle bin ich von den Flughafenangestellten, die scheinbar sinnlosen Tätigkeiten nachgehen (den ohnehin schon glänzenden Boden wienern, Flaschen im Duty-Free Shop abstauben, patrouillieren) mal abgesehen, der Einzige. Ich beschließe, mich erstmal zu setzen. Freie Platzwahl auf den Sitzbänken habe ich ja schon mal. Krasstana – 13 Stunden in völliger Ereignislosigkeit. Das wird hart, denke ich mir. Als nächstes wundere ich mich über die Ansagen, die ständig in einer Wahnsinnslautstärke durch die Halle dröhnen. An wen richtigen sich diese scheinbar wichtigen Informationen in russischer und kasachischer Sprache? An mich etwa? Glaube ich nicht, trotzdem macht mich der Lärm irgendwie nervös. Wahrscheinlich vertreibt sich aber einfach jemand die Zeit mit Quatschdurchsagen. Der nächste Abflug ist erst heute Nachmittag geplant und bis dahin sind wohl keine Adressaten zu erwarten.

Astana - ein Abenteuerpielplatz

Irgendwann fällt mir die Fußballnationalmannschaft ein, deren hypersensible Kicker kürzlich in Arschtana gegen die kasachische Elf gespielt haben. Um ihre zarten Seelen nicht unnötig zu strapazieren und sie nicht aus dem immergleichen Rhythmus aus Training und Spielen zu bringen, haben die DFB-Funktionäre die Reise so arrangiert, dass die Spieler den 5-stündigen Zeitunterschied gar nicht merken. Für die Kasachen war es bereits Mitternacht, als für die Deutschen ein angenehmer Abendkick angepfiffen wurde. Der DFB ist so mächtig, für ihn gelten keine Naturgesetze. Und Befindlichkeiten solch unbedeutender Fußballzwerge wie Kasachstan einer ist, interessieren schon mal gar nicht.

Ich habe lange nicht geschlafen und fühle mich wie gefangen in einem Zeitloch. Mein Biorhythmus wird nachhaltig gestört sein und schuld daran ist wahrscheinlich der DFB, an dem sich Kasachstan nun rächen will, so dünkt es mir in einem Anfall müder Paranoia.

Noch 10 Stunden. Ich versuche es mit Fluchtschlaf. Das gelingt mir lang ausgestreckt über die Sitzbänke für einige Minuten. Dann werde ich geweckt von einer Flughafenangestellten mit dem Hinweis, ich solle besser nicht schlafen. Am Ende würde ich noch meinen Flug verpassen. Sehr fürsorglich, wie ich finde, aber auch unnötig. Ich erkläre der freundlichen Uniformierten, dass mein Flugzeug voraussichtlich erst in einer ganze Weile eintreffen wird. Selbst wenn es mir gelänge, bis dahin zu schlafen, ist es doch relativ unwahrscheinlich, den Flug zu verpassen. Das Einstiegsgate befindet sich keine 20 Meter von mir entfernt. Damit stöpsel ich mir Kopfhörer in die Ohren und versuche, wieder zu entspannen. Das wird mir aber nicht mehr gelingen.

Das ist kein Spasstana. Gelangweilt, müde und frustriert komme ich mir langsam so vor, als gehöre ich schon zum Inventar der Abflughalle, die sonst nur durch völlige Reizarmut auffällt: Leere Sitzreihen, langweilige Geschäfte mit noch langweiligeren Artikeln und gelangweilten Angestellten. Nicht mal eine Bar, immerhin aber ein Raucherraum. Plötzlich fällt mir mein Pass ein und dass es eigentlich keinen Grund für die kasachischen Behörden gibt, ihn noch länger einzubehalten. Als Zeitvertreib und aus purer Streitlust versuche ich mich an einer Staatsbeamtin, die genauso gelangweilt wie alle anderen in der Gegend rumsteht. Ich sage ihr, dass ich mir so gerne die Stadt angeschaut und mich gemeinsam mit den Einwohnern Astanas über ihre glorreiche Zukunft gefreut hätte. Meine Einreise sei aber ja unerwünscht und deswegen könnte ich jetzt jawohl meinen Pass zurückhaben. ‚You will get back your documents when you leave’, antwortet sie kalt. Verdammtes Provinzloch, verdammter DFB.

goodbye Astana - ich werde Dich nicht vermissen

Meinen Frieden mit Lasstana-mich-hier-raus mach ich aber doch noch, als ich bemerke, dass der Flughafenangestellten, die mich geweckt hat, eigentlich auch nur langweilig war. Sie wollte ins Gespräch kommen und vielleicht etwas Englisch lernen, wie ich Stunden später erfahre. Leidensgenossen sind wir, treibend in einer endlosen Schliefe aus Zeit. Von ihr erfahre ich außerdem, dass hier immer so wenig los ist und dass die kasachische Sprache der türkischen nicht unähnlich ist. Dann, 2 Stunden vor Abflug, treffen endlich weitere Passagiere ein. Es gibt doch noch eine Außenwelt! Es ist also fast geschafft, die Qual fast zu Ende: Ich bekomme hochoffiziell meinen Pass zurück, steige etwas später ins Flugzeug und blicke ganz ohne Wehmut aus dem Fenster als wir schließlich abheben. Nur die Angestellten des Flughafens tun mir leid. Ich konnte triumphierend entkommen, für sie wird das nicht ganz so einfach sein, vermute ich. Verdammtes Astana!